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BEN KOHLER, AUTOR

BEN KOHLER, AUTOR

ICH

Hej.

13. Mai 1982.


Ein Donnerstag, an den ich mich nicht erinnern kann. Ich werde geboren, das steht später jedenfalls auf einem Dokument das die Unterschrift meiner Mutter, meines Vaters und eines Beamten (vermutlich ein Standesbeamte, aber genau weiß ich das nicht) trägt.

Dass ich mich nicht erinnern kann, ist normal, und bedenkt man, was uns als Kind alles passiert (oder passieren kann), ist es einer durchaus glücklichen Fügung zu verdanken, dass wir mehr oder weniger alles vergessen, was vor unserem vierten Geburtstag passiert.


So weiß ich auch nicht mehr, dass mir im Alter von drei Jahren ein Auto über den Kopf fährt. Oder gegen den Kopf, wie gesagt, ich kann mich nicht erinnern, lediglich die wenigen vorhandenen Bilder (das ist alles lange vor der Digitalfotografie passiert) sind Zeugen dieses Ereignisses. Dick eingebunden, die linke Gesichtshälfte schmerzverzogen, die rechte für Wochen nicht sichtbar, bin ich froh, dass keine Schäden zurückgeblieben sind, weder optisch noch in meinem Oberstübchen (wobei ich mir beim Letzterem nicht immer ganz sicher bin).


Im Alter von drei Jahren passiert es auch, das ich in einen katholischen Kindergarten komme. Mit zunehmendem Alter wird die Erinnerung daran klarer, manches sehe ich vor meinem inneren Auge wie einen Kinofilm. Und der war nicht besonders gut. Der Kindergarten, in den meine Eltern mich packen (ganz sicher mit den besten Absichten, meine Eltern sind wirklich toll!), ist streng katholisch, meine Erzieherin eine Nonne, dreihundert Jahre alt, offenkundig traurig darüber, dass die Prügelstrafe mit dem Zeigestock nicht mehr erlaubt ist. So bleiben es seltsame, aber nicht schmerzhafte Dinge, die mich heute, beinahe fünfunddreißig Jahre später schmunzeln lassen, wenn ich daran zurückdenke.

Zum Beispiel müssen wir die Hosen ausziehen wenn wir die Holzrutsche im Turnraum benutzen wollen, die Nieten an den Jeans könnten sonst das Holz verkratzen. Wir Jungs müssen stricken lernen, ich hasse es (das hat sich auch nie geändert), grundsätzlich ist daran ja aber erst einmal nichts verkehrt. Aber muss ich mit drei oder vier Jahren wirklich stricken können? Alles sehr merkwürdig und sicher eine eigene Geschichte wert. Irgendwann einmal, vielleicht.


Mit sechs Jahren komme ich in die Schule, offensichtlich dem Lauf meines Schicksals folgend habe ich nun in Handarbeit (ein grausames Fach, schon wieder stricken) erneut eine Nonne als Lehrerin. Ebenso alt, aber glücklicherweise ohne den zur Schau gestellten Kinder-Hass. Für die Wahl ihres Berufes scheint mir das auch eine durchaus positive Eigenschaft zu sein, Schwester Bona (die Nonne aus dem Kindergarten) hat sich darüber offenbar nie Gedanken gemacht.


Meine Schulzeit verläuft wie die meisten, denke ich. Die Grundschule ist schneller vorbei, als ich denke, dass sie dauern würde, ein Jahr Hauptschule (weiß Gott warum, heute kann mir das niemand mehr so genau erklären), dann Realschule. Irgendwann sagt ein Lehrer zu meinen Eltern (ich glaube, es war mein Deutschlehrer Herr Klar), dass ich auf dem Gymnasium besser aufgehoben gewesen wäre, denn da könne man sich mit Faulheit eher durchmogeln. Das hätte man mir früher sagen sollen. Jetzt ist es, wie es ist, ich bestehe die Prüfung, gar nicht mal so schlecht (abgesehen von Rechnungswesen, da habe ich eine glatte Sechs, konnte sie aber glücklicherweise mit einer Eins in Deutsch ausgleichen) und überlege, was ich jetzt mit der mittleren Reife in der Tasche anfangen soll.


Zwei Jahre vor meinem Abschluss, in der achten Klasse, habe ich einen Unfall mit meinem Motorrad. Es ist eine 125er Suzuki, eine wirklich schöne Maschine. Vor dem Unfall, danach war sie leider nicht mehr so schön. Das Vorderrad, bei einer Jobber weit nach vorne auslaufend, steht neben dem geplatzten Motorblock. Der Lenker ist nach unten gebogen, die rechte Seite der Lenkstange nach hinten weggeknickt. Das ist passiert, als mein Oberschenkel dagegengeschlagen und glatt durchgebrochen ist. Ich liege auf der Straße, mit Schmerzen, dann bin ich weg. Im Krankenwagen wache ich wieder auf, sehe, wie meine Jeanshose aufgeschnitten wird, und schlafe sofort wieder ein. Gott sei Dank. Die Schmerzen sind kaum zu ertragen und kommen ganz sicher direkt aus der Hölle. Im Krankenhaus sprühen sie mir Desinfektionsmittel auf das Knie, stecken einen langen Draht auf eine Art Akkuschrauber und bohren mir diesen dann durch den Schienbeinkopf unterhalb des Knies. Dann biegen sie die beiden Drahtenden zu Haken und hängen Gewicht an das andere Ende, mittels einer Schnur, was meinen zusammengeschobenen Oberschenkelknochen ruckartig auseinanderzieht. Ich bin wieder weg, mein Vater muss das Zimmer verlassen, ihm wird schlecht. Zwei Tage später werde ich operiert (keine Ahnung warum sie mich zwei Tage lang mit dieser unglaublichen Konstruktion liegen lassen), kurz vorher fragt mein Pa, ob ich denn wieder ein Motorrad haben will. Natürlich sage ich Nein. Cleverer Schachzug von ihm. Die nächsten Monate verbringe ich auf Krücken und kann nach ungefähr einem Jahr wieder ohne gehen. Mehr oder weniger. 


Im letzten Jahr der Realschule bin ich Schulsprecher und nutze dieses Amt, um möglichst oft dem Unterricht fern zu bleiben. Wichtige Schulsprecher-Dinge, sage ich und gehe rauchen. Oder nachhause. Niemanden scheint das zu interessieren, wir sind die »Großen« und man erwartet von uns, dass wir uns entsprechend verhalten. Was wir natürlich nicht tun. Wir halten uns für groß, für erwachsen und reif und sind das genaue Gegenteil davon.


Während ich auf die Abschlussprüfungen lernen sollte, verbringe ich meine gesamte freie Zeit in der Redaktion der Illetisser Zeitung. Ich schreibe Artikel, meistens unbedeutendes Zeug über Hasenzüchter, Blaskapellen und Neueröffnungen von Geschäften (ein paar Monate später dann oft über deren Schließung), bald bekomme ich aber eine eigene, monatliche Kolumne: Bennys Computerecke. Ja, mit siebzehn nennt man mich Benny. Das konnte ich glücklicherweise vollständig ablegen, heute bin ich einfach Ben. Wenn meine Mutter sauer ist, sagt sie auch heute noch, obwohl ich schon fast auf die Vierzig zugehe, Benjamin. Das kommt glücklicherweise aber so gut wie nie vor (was hauptsächlich mit meinem Auszug vor über fünfzehn Jahren zu tun hat).


Bennys Computerecke ist eine Technik-Kolumne, von einem Nerd für Nicht-Nerds, und sie findet großen Zuspruch. Ich bekomme unzählige Leserbriefe, greife die Themen auf, verarbeite sie zu Artikeln und bald darauf erscheint mein Geschreibsel wöchentlich, immer in der Samstagsausgabe. Jetzt fühlt sich das aber gar nicht mehr nach Hobby an, sondern wie ein Job. Und nichts will ich mit Ende siebzehn weniger als einen Job. Ich liefere meine Texte immer später, mein Redakteur ist sauer, ich muss den wöchentlichen Rhythmus aufgeben und darf nur noch alle zwei Wochen veröffentlichen. Es fühlt sich besser an. Was eine Strafe hätte sein sollen, kommt mir mehr als gelegen. Es macht wieder Spaß, ich schreibe gerne und werde von Ausgabe zu Ausgabe besser. Sie bieten mir an, ein echtes Volontariat zu machen, was ich dankend annehme und parallel eine Ausbildung zum Fachinformatiker beginne. Das macht Laune, auch wenn die Firma in der ich arbeite, ziemlich schlechte Software baut (das wird mir aber erst viele Jahre später bewusst, als ich zur Technik zurückkehre).


Nach meiner Ausbildung arbeite ich als Freiberufler, hauptsächlich weil ich keine Lust habe, Bewerbungen zu schreiben. Ich bin faul, das war ich schon zu Schulzeiten und während meiner Ausbildung. Nicht unbedingt die beste Voraussetzung, um freiberuflich zu arbeiten. Irgendwie klappt es trotzdem, mein kleines Unternehmen wächst, ich beschäftige bald drei Leute und gründe eine Agentur für Werbung und Kommunikation, die ich sieben Jahre lang zusammen mit einer Partnerin betreibe. Irgendwann entschließe ich mich dazu, BWL (ja, die Ironie erschließt sich mir auch) und internationales Marketingmanagement fern zu studieren. Nebenberuflich. Eine schwachsinnige Idee, aber ich ziehe es durch. Wer hätte das gedacht! 


Einer unserer größten Kunden ist ein Nachtclub-Besitzer (ich komme aus einem kleinen Kaff, da ist so ein Laden wirklich etwas außergewöhnliches), und diesen Nachtclub übernehme ich mit einundzwanzig. Im Nachhinein betrachtet ein wirklich sau dämlicher Einfall, wie das alles überhaupt zu Stande kam, darüber habe ich ein Buch geschrieben, das vermutlich Ende des Jahres erscheint.

Long Story, short: Mit zweiundzwanzig bin ich so pleite, wie man nur sein kann, und das für eine wirklich lange Zeit. 2010 verkaufen wir die Agentur und ich ziehe nach München, weil ich einen tollen Job bei Apple bekomme. Da bin ich dann etwas mehr als drei Jahre, bevor ich für ein Startup in Rotterdam arbeite und ein Jahr lang ständig hin und her pendle.


2015 kommt meine Tochter zur Welt und das ändert alles. Die Beziehung zu ihrer Mutter hält leider nicht, wir verstehen uns aber nach wie vor sehr gut. Ich sehe mein Kind, das im August schon vier wird, jeden Tag, was ich großartig finde. 2018 ändere ich mein Leben radikal, weil ich eine gefährliche Grenze von beinahe hundert Kilogram erreiche. Ich nehme innerhalb eines Jahres dreiunddreißig Kilo ab und schreibe ein Buch darüber.


Ich habe immer geschrieben, vor Jahrzehnten (großer Gott, ich bin wirklich alt) für die Presse, dann nur für mich, später Werbetexte, dann immer wieder Kurzgeschichten, die allesamt ungelesen in der Schublade gelandet sind (wenn ich sie mir jetzt durchlese, bin ich auch sehr froh darüber). Man braucht eine gewisse Reife, glaube ich. Ich war viele Jahre lang sehr unreif, ein Kindskopf (das bin ich heute noch, aber bewusst, nicht weil ich einfach einer bin), faul und nicht in der Lage, Dinge durchzuziehen.


2016 fange ich an, mich mit dem Thema Agilität zu beschäftigen. Ich bin in der Agentur, in der ich aktuell arbeite der Spezialist für agile Themen, Prozesse, Methoden und alles was „der heiße Shit“ ist. Wir sitzen im Zug von München nach Berlin, eine Kollegin und ich, mein Buch ist in einer Rohfassung bereits fertig und sie hat es gelesen, da haben wir die Idee für den Titel: »The Agile Attitude«. Weil es sehr gut die Haltung beschreibt, die man haben muss (oder haben sollte), um Dinge zu ändern. Da ich das bereits seit einigen Jahren beruflich mache ist das zwangsläufig auf mein Privatleben durchgeschlagen. Naheliegend, oder? Denke ich jetzt auch, die Idee habe aber nicht ich, sondern Franzisca, die Kollegin, die zusammen mit mir im Zug sitzt. Danke, Franzisca!


Warum ich schreibe? Die Antwort ist einfach:

Nirgendwo verfliegt die Zeit schneller als wenn ich am Rechner sitze und schreibe. Als ich die Rohfassung meines Romans schreibe (über den Nachtclub), bringe ich knapp einhundertfünfzig Seiten in weniger als vier Tagen zu Papier. Mein Kopf platzt vor Geschichten, die sich alle aus derselben Frage heraus bilden: Was wäre, wenn?


Seit ich lesen kann, lese ich viel. Aktuell ungefähr ein Buch pro Woche, oft habe ich mehr als Eines parallel auf meinem Tisch. Dazu Hörbücher, um mir den Weg in die Arbeit, der in München bisweilen sehr zäh und lang sein kann, zu Nutze zu machen. Meine Lieblingsautoren sind seit frühester Jugend King und Grisham (wobei letzterer nachgelassen hat, wie ich finde, was vermutlich daran liegt, dass er die meisten seiner Bücher nicht mehr selbst schreibt, wie man sagt), neu entdeckt habe ich kürzlich Don Winslow.


So, das bin ich. Grob zusammengefasst.

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